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Die Lokal-Zeitung für Kleinbasel, Riehen und Bettingen

«Die Beteiligung des Kantons hat
nur ein Ziel: Dass in Basel etwas läuft»

Regierungsrat Christoph Brutschin äussert sich zum Ende der Baselworld, zum Wandel des Messewesens und zur Zukunft der ART Basel.

Von Markus Vogt

Kleinbasler Zeitung: Was bedeutet der Niedergang der Baselworld für den Kanton Basel-Stadt?
Christoph Brutschin: Das ist ohne Zweifel ein einschneidendes Ereignis, ein negatives Ereignis. Wir verlieren mit der Baselworld etwas, worauf während einer gewissen Zeit alle Augen gerichtet waren. Das ist bedauerlich. Es bedeutet vor allem für diejenigen Firmen, die rund um diese Messe profitiert haben, eine substanzielle Einbusse. Im Vordergrund stehen dabei die Hotellerie und die Gastronomie.

KBZ: Welche wirtschaftliche Bedeutung hat oder hatte die Baselworld für Basel?
CB: Die Bedeutung dieser Messe war gross. Die Baselworld war lange für die MCH Group selber die ertragsstärkste Eigenmesse. In den letzten Jahren war dies nicht mehr der Fall. Aber sie hat weiterhin Leute nach Basel gebracht und damit, wie man sagt, Verkehr generiert. In unserer Stadt sind Leistungen konsumiert worden. Das ist ja eigentlich das, was man mit der Organisation von Messen erreichen will. Dass eben ein volkswirtschaftlicher Nutzen generiert wird, eine Nachfrage nach Leistungen im Umfeld wie Hotellerie, Gastronomie, Verkehr und Tourismus.

KBZ: Kann man den entstandenen Scha­den irgendwie beziffern?
CB: Heute ist das schwierig zu sagen. Wie gross der Schaden ist, wird sich noch zeigen, aber in solchen Fällen gibt es immer nur Schätzungen, was eine einzelne Messe generiert hat. In diesem Fall dürfte es sich durchaus um mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag handeln, wenn nicht einen dreistelligen.

KBZ: Was führte denn zu dieser Entwicklung?
CB: Verschiedene Gründe. Zunächst war es schon immer schwierig, die Wünsche der verschiedenen Produzenten unter einen Hut zu bringen. Die einen bevorzugten ihre Web-Plattform; sie sagten, dass sie die Messe zum Verkaufen ihrer Produkte eigentlich nicht brauchten, weil sie den Verkauf über das Internet oder über Flagship-­Stores betreiben, wo sie exklusiv ihre teuren Produkte anbieten. Andere wollten weiterhin eine sehr gediegene Verkaufsplattform in Form der Baselworld, wo sie ihre Händler begrüssen und Bestellungen entgegennehmen konnten. Dann gab es noch kleinere Aussteller, und die Schmuckhersteller hatten auch ihre eigenen Bedürfnisse. Das alles unter einen Hut zu bringen, wurde immer schwieriger. Das hat dann darin gegipfelt, dass zuerst die Swatch Group weggegangen ist, und kürzlich eine andere wichtige Gruppe mit Rolex an der Spitze. Und das führte dazu, dass wir die Messe in dieser Form nicht mehr aufrechterhalten können.

KBZ: War diese Entwicklung wirklich nicht aufzuhalten?
CB: Vielleicht hätte man stärker auf die eine Gruppe fokussieren müssen, also es nicht allen recht machen wollen oder sollen. Das wurde ja auch probiert. Vielleicht hätte man sagen müssen: Dies sind unsere Partner, und die anderen lassen wir gehen. Wir hatten eben immer den Anspruch, dass wir wirklich allen Ausstellern eine Plattform bieten, auf der sie sich selber wiedererkennen und ihre Kunden bedienen können. Offensichtlich ist dies so nicht geglückt.

KBZ: Sind auch internationale Entwicklungen im Messewesen mitschuldig an der Misere?
CB: Ja, das ist so. Der Chef eines ­grossen und wichtigen Uhrenproduzenten sagte mir im persönlichen Gespräch, er brauche eigentlich die Messe zum Verkaufen nicht mehr. Die billigen Uhren verkaufe er über das Internet und die teuren über seine eigenen Läden. Ich führte auch Gespräche mit dem Fachhandel, zum Beispiel mit Bucherer oder Gübelin. Diese sagten mir: Wieso soll ich mit so vielen Leuten an die Messe gehen? Die neuen Modelle erhalte ich ohnehin erst nach einem halben Jahr, weil sie der Hersteller zuerst in seinem eigenen Laden verkauft. Dies ergab dann eine Dynamik, dass weniger Besucher kamen, weniger Fachhändler. Das zeigt, dass sich das Messewesen im Wandel befindet.

KBZ: Wie äussert sich dieser Wandel?
CB: Nur zwei Beispiele dazu: Wer konnte sich je vorstellen, dass es die Cebit, die grösste Computermesse der Welt, die zu ihren besten Zeiten 800'000 Eintritte verkaufte, seit drei Jahren nicht mehr gibt? Oder wer konnte sich vorstellen, dass renommierte Automarken nicht mehr am Automobilsalon in Genf ausstellen? Sie sehen, wir sind nicht die einzigen, die mit derartigen Problemen zu kämpfen haben. Wir müssen uns diesen stellen und vor allem Ideen entwickeln, dass wir die Transformation mitmachen können und wieder erfolgreiche Formate finden.

KBZ: Ist im Sog dieser Entwicklung auch die Kunstmesse ART Basel bedroht?
CB: Bis jetzt nicht. Die letzten Durchführungen, die wir machen konnten, was leider auch schon eine Weile her ist, waren sehr erfolgreich. Der ART gelingt es meiner Einschätzung nach gut, den Kontakt mit der Sampler-Gemeinde zu halten. Dies geschieht derzeit virtuell, doch die Kontakte finden statt. Heute ist es natürlich eine offene Frage, ob die ART Basel, die wir verschoben haben, im September stattfinden kann. Es ist ein grosses Fragezeichen dahinter zu setzen. Die nächste Gelegenheit wäre dann wieder die ART Basel in Miami Beach. Im Moment sehen wir aber keine Absetzbewegungen. Wir haben vielmehr Galerien, die sagen, dass sie für die Situation durchaus Verständnis haben. Die ART Basel ist wirklich ein starker und gepflegter Brand. Und wir müssen sicher ein Auge auf sie halten. Im Moment gibt es keine Anzeichen für eine ähnliche Entwicklung wie bei der Baselworld.

KBZ: Sind allenfalls weitere Messen bedroht?
CB: Die traditionellen Publikumsmessen wie Comptoir, Züspa und Muba mussten wir einstellen, weil sie substanzielle Verluste produzierten, die innerhalb der MCH Group querfinanziert werden mussten. Bei den übrigen Messen sehen wir keine weiteren Abbaurunden. Wobei man natürlich eingestehen muss, dass schon relativ vieles nicht mehr durchgeführt wird. Die Beispiele habe ich genannt. Die einzige Messe, die wir in diesem Jahr durchführen konnten, war die Swissbau, und diese war erfolgreich. Dies scheint ein Produkt zu sein, das bestehen kann.

KBZ: Wie sieht denn die Situation im Kongresswesen aus?
CB: Im Kongresswesen stellte das Jahr 2019 das erfolgreichste Jahr dar, das wir je hatten. Das hat unter anderem damit zu tun, dass wir mehrere Kongresse im Gesundheitsbereich durchführen konnten. Zu diesen Anlässen kommen immer sehr viele und zahlungskräftige Leute. Der Kongress-Sektor konnte ein ganz deutlich positives Resultat zum Gesamtergebnis beitragen. Wir hoffen, dass wir nach dem Besiegen des Coronavirus wieder dort anknüpfen können.

KBZ: Ist dieser Bereich eine ­Chance für Basel?
CB: Viele Fachleute sagen, die Tendenz laute: weg von den grossen Messen und hin zu Formaten, die einerseits einen Kongressteil, andererseits einen Messeteil beinhalten. Wir glauben schon, dass es in diesem Bereich Möglichkeiten gibt. Es wird ein anderes Geschäft werden, aber es kann ein Geschäft sein, wie das Kongresszentrum heute schon zeigt. Wir sind ­ausser Genf der einzige Ort in der Schweiz, der einen Kongress mit mehr als 3000 Leuten beherbergen kann, sowohl was die Fazilitäten der Messe als auch was die Hotelkapazität betrifft.

KBZ: Die Hotels sind ebenfalls in die Kritik geraten: Bis zu fünfmal höhere Preise als unter dem Jahr, dazu der Zwang, mindestens fünf Nächte buchen zu müssen ...
CB: Heute kann es nicht darum gehen, den Schwarzen Peter zu verteilen. In den goldenen Zeiten der Baselworld war es schon so, dass alle profitiert haben. Die Messe selbst stand ja auch wegen hoher Standpreise in der Kritik. Aber: Wir hatten auch Wartelisten von fünf, sechs Jahren. Klar ist, dass dann der Preis die Zuteilung regelt. Wahrscheinlich war es bei den Hotels ähnlich, dass nämlich sehr viele Anfragen vorlagen. Ich war einmal an der ART Basel in Miami Beach, und dort kostete das Hotelzimmer das Vierfache des Normalpreises. Dies scheint eine Praxis zu sein, die man so oder anders beurteilen kann.

KBZ: Zur Rolle des Kantons, der mit einem Aktienanteil von 33 Prozent der massgebliche Mitbesitzer der MCH Group ist. Soll der Kanton dabei bleiben oder sich zurückziehen?
CB: Nach Meinung des Regierungsrates wollen wir dabei bleiben. Ob das 33 Prozent sein müssen, lasse ich offen. Wir wollen ein substanzieller Aktionär bleiben, und wir wollen auch im Verwaltungsrat vertreten bleiben. Diese Beteiligung hat nur ein Ziel: Dass in Basel etwas läuft. Es geht nicht darum, dass wir an einer börsenkotierten Firma beteiligt sind, einfach weil dies toll ist. Die Messe soll in Basel Kongresse und Messen durchführen, die Leute nach Basel bringen, die hier übernachten und die Angebote hier konsumieren.

KBZ: Basel-Stadt muss also nicht aussteigen wie der Kanton Baselland, der den Rückzug angekündigt hat?
CB: Das ist bei uns kein Thema. Hier ist Basel-Stadt, hier ist die Messe, hier wird auch die Hauptsache der Wertschöpfung generiert. Wobei gerade beim Neubau Handwerksbetriebe aus dem Baselbiet substanzielle Aufträge erhielten. Das war auch richtig so. Jetzt hat die Baselbieter Regierung entschieden, dass dieses Engagement nicht mehr derart wichtig sei und hat laut darüber nachgedacht, die Aktien zu verkaufen. Das ist allerdings noch nicht passiert.

KBZ: Nochmals: Welchen Schaden kann der Kanton davontragen?
CB: Direkt keinen, da kein Geld aus der Staatskasse herausgeflossen ist. Wenn der Aktienkurs Ende Jahr bei den rund 12.80 Franken liegt, bei denen er jetzt gerade herumdümpelt, dann wird es einen Buchverlust geben. Die Aktien stehen mit knapp 20 Franken in den Büchern. Da fliesst kein Geld heraus; es handelt sich um einen Vermögensbestandteil, der nicht mehr ganz so viel Wert hat wie zuvor. Das ist nicht gut, aber weiter auch kein Drama. Dass wir Geld in die Messe einschiessen müssten – in dieser Situation sind wir noch nicht.

KBZ: Und die Folgen für den Tourismus?
CB: Für den Tourismus ist es ein Rückschlag. Wir hatten eine wunderbare Entwicklung mit der Messe. Die Messe Basel ist einige der wenigen Messen, der es über Jahre hinweg gelang, ihre Liegenschaften selber zu verdienen, abzuschreiben, zu verzinsen und gleichwohl noch Gewinn zu machen, 30 bis 40 Millionen Franken. Das können nur wenige Messen in Europa. Jetzt sind wir konfrontiert mit einer sehr anspruchsvollen Situation, mit einem sehr anspruchsvollen Umfeld. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

(Foto: Markus Vogt)

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