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Das Rätsel der Immunität

Die grosse Frage ist, wie lange ist man immun nach einer durchgemachten SARS-CoV-2-Infektion? Diese Antwort ist auch entscheidend, um den zukünftigen Verlauf der Pandemie einschätzen zu können. Die Antwort interessiert natürlich auch diejenigen, die die Virusinfektion überstanden haben. Neuere Studien zeigen mittlerweilen ein genaueres Bild der Immunantwort des Menschen auf Sars-CoV-2. Auch mild erkrankte Personen entwickeln eine stabile Immunität.

Von Prof. Dr. med. Jürg Schlageter

Eine Studie vom Mount Sinai Hospital in New York berichtet, dass die Mehrheit von rund 30’000 Untersuchten mit einem leichten bis mittleren Covid-19-Verlauf ausreichend Antikörper gegen Sars-CoV-19 gebildet hatten – genauer formuliert gegen das ­Spike-Protein, das Stachel-Eiweiss, das aus der Virushülle herausragt und verantwortlich ist für den Virus­eintritt in die Zelle. Um den Mechanismus der Infizierung zu überprüfen, wurden Neutralisationstests durchgeführt. Funktionierende Antikörper fixieren sich an die Stacheleiweisse von Sars-CoV-2, so dass das Virus nicht mehr in die menschliche Zelle eindringen kann. Die Mehrheit der Patienten in der Studie wiesen eine mittlere bis hohe Konzentra­tion von Antikörpern auf. Dies war in über 90 Prozenten der Fälle der Fall. In etwa 50 Prozent der Fälle neutralisierte auch eine geringere Antikörperzahl das Virus. Des weiteren wurde festgestellt, dass die Antikörper-Konzentration in fünf Monaten nur wenig abgesunken war. Überdies wurde in einer Studie aus Kalifornien bestätigt, dass die Mehrheit von 185 untersuchten Covid-19-Patienten nach Gesundung auch nach acht Monaten genügend Immunzellen zur Abwehr des Coronavirus nachweisen liessen. Diese Erkenntnis scheint offensichtlich ganz im Gegensatz zu früheren Studien. Dies wurde festgestellt vor allem bei Patienten mit einem asymptomatischen oder milden Verlauf. Dabei sanken die Antikörper-Konzentrationen nach wenigen Wochen. Die Immunantwort gegen Sars-CoV-2 fällt tatsächlich sehr unterschiedlich aus. Leicht erkrankte Personen weisen eine niedere Antikörperkonzentration aus als schwer erkrankte. Eine fehlende oder niedere Antikörperkonzentration nach einer Infektion bedeute nicht sogleich, dass weniger Leute geschützt sind, meint Christian Münz von der Universität Zürich. Diese Patienten sollen eine andere Immunantwort zeigen.

Noch wenig Erfahrung mit erneut infizierten Patienten
Die Immunantwort auf eine CoV-2-Infektion beinhalten nicht nur die Bildung von Antikörpern. Es werden auch sogenannte T-Lymphocyten gebildet, die virus­infizierte Zellen direkt erkennen und zerstören. Es werden auch Gedächtniszellen gebildet, welche die typischen Merkmale des Virus, wie das Stacheleiweiss, erfassen und abspeichern. Bei einem späteren, erneuten Kontakt mit dem Virus werden neue Antikörper und T-Zellen gebildet. Auf diese Weise wird die Immunantwort reaktiviert. Es ist noch ungeklärt, wie asymptomatisch und mild erkrankte Patienten, darunter viele Kinder, das Virus so schnell unter Kontrolle bringen. Es kann sein, dass die genetische Veranlagung dieser Patienten eine Rolle spielt. Es wird auch eine vorabgehende Infektion mit harmlosen Coronaviren diskutiert. Die wahrscheinlichste Erklärung soll eine enorm schnelle T-Lymphocyten-Antwort sein, welche die virusvermehrenden Zellen ebenso prompt zerstören. Somit bleibt den Antikörpern keine Zeit, sich zu vermehren. Man nimmt nun an, dass bei einer zweiten Infektion derselbe Ablauf eintritt und demnach auch die nächste Infektion mild abläuft.
Berichte von Patienten, die sich erneut infiziert haben, sind noch sehr selten. Das heisst nun aber nicht, dass die Reinfektion durch einen neuen Virusstamm verursacht wurde. Vielmehr hat es mit dem Nachlassen der Immunität zu tun. Viele Experten nehmen nun an, dass die Zahl der Reinfektionen im weiteren Verlauf der Pandemie ansteigen wird. Christian Münz sagt, dass man aus der Erfahrung mit anderen Coronaviren wisse, dass man sich immer wieder anstecken kann. Für die Pandemie-Eindämmung sieht der Immunologe keine Folgen. Genesene bilden auch Gedächtnis-T-Zellen. Diese bleiben über Jahre erhalten. Diese Zellen schützen zwar nicht vor einer Reinfektion, sie führen aber zu einem milderen Verlauf.
Es ist noch unklar, ob geimpfte Menschen andere anstecken können
Die Impfstoff-Forschung hat zum Ziel die sog. sterile Immunität. Dabei kann das Virus zwar noch in die Geimpften eindringen; es löst dort keine Infektion mehr aus, weil das Immunsystem es sofort abfängt und zerstört. Vitaminpillen, die das Immunsystem ankurbeln sollen, helfen hingegen eher nicht. Es gibt sicher kein Präparat oder Vitamin oder irgendetwas, das man geben kann, um gezielt vor Corona zu schützen, meint Leif-Erik Sander von der Charité Berlin. Noch unklar ist, warum die Immunreaktion auf das Coronavirus bei jenen Menschen entgleist, die sehr schwer erkranken. Unklar ist auch, wie lange der Schutz vor einer Reinfektion andauert und ab welcher Konzentration von Antikörpern die Menschen wirklich vor einer Infektion geschützt sind. Der Immunologe Münz ist der Meinung: «Wenn die Risikogruppen einmal geimpft sind – was in der ersten Hälfte 2021 geschehen könnte – wird es leichter».

Was man über das mutierte Coronavirus bislang weiss

Viren mutieren ständig, d. h. sie ändern sich ständig im Erbbild. Auch der Corona-Erreger Sars-CoV-2 liegt laut Analysen bereits in unzähligen Formen vor, die sich alle leicht voneinander unterscheiden. Die neue Viruslinie mit der Bezeichnung B.1.1.7. macht neuen Untersuchungen zufolge das Coronavirus sehr wahrscheinlich leichter übertragbar.

Von Prof. Dr. med. Jürg Schlageter

Seit September haben englische Labore eine neue Virusvariante entdeckt, die einige Veränderungen am sogenannten Spike-Eiweiss aufweist. Das Spike-Eiweiss ist der Schlüssel des Krankheitserregers, mit dem er in die menschlichen Zellen eindringt und sich dort vermehrt. Bei der B.1.1.7. Mutation ist der Bereich der Rezeptorbildung, quasi die Andockstelle, so verändert, dass ihre Bindung an den menschlichen ACE-2 Rezeptor stärker geworden ist. Die Wissenschaftler vermuten, dass diese Veränderung zu einer stärkeren Ausbreitung dieser Virusvariante führt. Die Forscher schätzen, dass sich der R-Wert um 0,4 Prozent erhöhen könnte. Das würde bedeuten, die neue Version wäre 70 Prozent ansteckender als das bisherige Virus.
Auch Richard Neher von der Universität Basel geht davon aus, dass «es Grund zur Sorge» gebe. Auch er vermutet, dass es naheliegend sei, dass sich diese Mutation besonders leicht verbreite. Britische Forscher berichten, dass eine Kombination einzelner Mutationen, die in der Viruslinie B.1.1.7. gemeinsam auftreten, das Virus «fitter» machen und die Übertragung erleichtern. Bis anhin gibt es noch keine Hinweise darauf, dass Infektionen mit dem mutierten Virus zu schwereren Krankheitsverläufen führen. Die neue Virusform ist Berichten zufolge erstmals am 20. September in Südengland. Inzwischen ist das das mutierte Virus wohl schon für die Mehrheit aller Neuinfektionen in der britischen Hauptstadt London verantwortlich. Neher hält es für möglich, dass eine Virusform alle anderen Mutationen des Virus verdrängt.

Impfstoff soll anscheinend Schutz geben
Der Impfstoffproduzent Biontech meint, dass es aus wissenschaftlicher Sicht sehr wahrscheinlich ist, dass sein Corona-Impfstoff Schutz gegen die neue entdeckte Variante gibt. Der Diagnostikexperte Ortwin Adams meint: «Man darf sich das nicht so vorstellen, dass man jetzt auf diesen Impfstoff nur eine einzige Form von Antikörpern produziert. Man bildet eine ganze Armee aus». Wenn «mal ein einzelner Soldat» ausfalle, dann gebe es noch genügend andere für den Angriff.
Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité äussert sich: «Es ist so, dass eine bessere Bindung an den Rezeptor Konkurrenz zu Antikörpern machen kann und Antikörper dann vielleicht schlechter binden». Auch die europäische Zulassungsbehörde Ema rechnet damit, dass der Biontech-Impfstoff auch gegen die neue Variante schütze. Nach aktuellem Stand gibt es Berichte des Virusnachweis aus Island, Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Italien der Schweiz und Australien. Die in Südafrika aufgetretene Virusmutation ähnelt derjenigen aus Grossbritannien stark. Nach ersten Fällen der neuen Variante des Coronavirus will Japan bis Ende Januar keine Ausländer mehr einreisen lassen. In Südkorea sind ebenfalls Fälle der in Grossbritannien entdeckten Mutation des Coronavirus nachgewiesen worden. Wie viele EU-Länder, hatte die südkoreanische Regierung angekündigt, jeglichen Flugverkehr von und nach Grossbritannien zu stoppen.
Bereits im November hatte die dänische Regierung mehrere Millionen Zuchtnerze töten lassen, nachdem eine mutierte Variante des Virus bei einzelnen Tieren nachgewiesen worden war. Allerdings handelte es sich dabei wohl um eine andere Mutation als jene, die sich derzeit in Grossbritannien stark verbreitet.

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