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Vom Heiraten im
Wonnemonat im alten Basel

Sehr oft hört man ihn nicht mehr, den Ausdruck «Wonnemonat Mai». Früher war er Thema zahlreicher Gedichte und Schlager und der beliebteste Monat zum Heiraten. Die Hochzeitsplanerin Imke-Dilli Fichtner an der Oettlingerstrasse 63 beispielsweise stellt in ihrem eigenen Geschäft jedoch eher einen Trend für die Monate September bis Dezember fest. Die Herbst- und Wintermonate haben den Vorteil, dass man die Feier von vorneherein drinnen plant, während im Sommer eine Schön- und Schlechtwettervariante vorbereitet werden muss. Aber sicher bevorzugen nach wie vor viele Paare die Sommermonate.

Heiraten in gehobeneren Kreisen – eine ehemals komplizierte Angelegenheit
Das Vorbereiten und Feiern einer Hochzeit lief in den letzten beiden Jahrhunderten, je nach sozialem Stand des zukünftigen Ehepaares, extrem unterschiedlich ab. In vornehmen Kreisen war dies eine ungeheuer komplizierte Angelegenheit, die nach festen Regeln und Bräuchen ablief und von den Organisatoren eine «Art Feldherrentalent» und ein hohes Ausmass an Diplomatie erforderte.
Zunächst musste der Vater des Zukünftigen beim Vater der Braut offiziell um deren Hand anhalten. Wenige Stunden später erwiderte der Brautvater den Besuch, um das «Ja-Wort zu bringen». Natürlich wurden auch die pekuniären Fragen ausführlich diskutiert, bevor man die Sache öffentlich machte.

Kurze und intensive Verlobungszeit
Die beiden Väter des zukünftigen Paares statteten für die Ankündigung allen Verwandten nach fester Rangordnung einen Besuch ab. Die Braut sowie der Bräutigam sagten getrennt ihren jeweiligen Freunden ihre Verlobung an. Dann wurden die Verlobungsanzeigen verschickt und an den darauffolgenden zwei oder drei Sonntagen empfing man im Elternhaus der Braut wie auch des Bräutigams die Gratulationsvisiten. Diese wurden genau registriert und dann wieder verdankt. Die Dienstboten erhielten zur Feier des Tages zehn bis zwanzig Franken Trinkgeld. Während der Verlobungszeit fanden zahlreiche Bälle und Brautgastierungen zu Ehren des jungen Paares statt. Diese beschränkte sich in der Regel auf drei bis vier Monate.

«Corbeille» und andere Geschenke
Ein grosses Kapitel in gehobeneren Kreisen war natürlich das Schenken. Neben dem Verlobungsring bekam die zukünftige Braut von ihrem Verlobten, je nach finanziellen Verhältnissen, weitere Schmuckstücke. Sie schenkte ihm beispielsweise Perlenknöpfe, einen Stuhl, dessen Bezug sie selber bestickt hatte oder gar einen Flügel, wenn ihr Zukünftiger Klavier spielte. Beim ersten Besuch als Verlobte erhielt diese von den zukünftigen Schwiegereltern ein silbernes Teeservice, manchmal sogar mit dem Tisch dazu und kurz vor der Hochzeit die sogenannte «corbeille», mit Seidenstoff, Fächer, Spitzen, Handschuhen, Brauttaschentuch und dem Brautschmuck. Die Dienstboten in beiden Elternhäusern wurden ebenfalls mit einem Geschenk, beispielweise einem silbernen Besteck, bedacht. Über Zweckmässigkeit dieses Geschenkes lässt sich streiten.

Gabenrodel und Tischplunder
Die Mütter der Brautleute erstellten aufgrund ihrer Erfahrungen den «Gabenrodel», die Wunschliste des jungen Paares, die unter Verwandten und Bekannten herumgereicht wurde. Auch die Aussteuer wurde von den Müttern besorgt. Die Braut brachte in der Regel das Mobiliar für das Schlafzimmer, die Visitenstube, das Boudoir, Office und die Küche sowie das «Tischplunder» für den Alltag, also Geschirr und Besteck in die Ehe. Von der Seite des Bräutigams kamen das Wohn- und Esszimmer, Fumoir, die Fremdenstube, Unterkünfte der Dienstboten sowie das bessere «Tischplunder». Was die Wäsche anbelangte, sei es nun Tisch-, Bettwäsche oder auch Nachthemden und ähnliches, wurden diese immer im Dutzend bestellt und in ungeheuren Mengen gelagert, da man viel seltener wusch als heute. Verstarb jemand und musste sein Haushalt aufgelöst werden, fand man nicht selten Truhen voller nie benutzter Wäsche.
Drei bis vier Wochen vor dem grossen Tag wurden die Einladungen verschickt und kurz vor dem Ehegelübde beim Notar ein Ehevertrag abgeschlossen.

Gobetag in vornehmen Häusern
Am Tag vor der Hochzeit fand der «Gobetag» im Elternhaus der Braut statt. Unaufhörlich läutete die Hausglocke und Stubenmägde im schwarzen Kleid und weisser Schürze lieferten die Hochzeitsgeschenke ihrer Herrschaft ab. Deren Wert wurde von der Brautmutter, oft mit Hilfe einer Tante, geschätzt und der Stubenmagd zehn Prozent davon als Trinkgeld ausgehändigt. Kam diese in ihr Herrschaftshaus zurück, wurde sie sofort nach dem Trinkgeld gefragt und lag dieses völlig daneben, das heisst war das Geschenk über- oder unterschätzt worden, nahm man das sehr übel.
Gemäss Emilie Haegler-Passavant durften manche Dienstmädchen nur ein bis zwei Franken vom Trinkgeld behalten, den Rest nahm die Herrschaft an sich, um die Auslagen für das Geschenk zu mildern. Nach der Hochzeit verdankte das Ehepaar bis um die Mitte des 19. Jhs. jedes Geschenk mit einem persönlichen Besuch. Später druckte man Visitenkarten mit «p.r.», pour remercier oder «danken herzlich».

Der grosse Tag
Dem sogenannte «Hofmeister», heutzutage «Dätschmeister», oblag der reibungslose Ablauf des straff organisierten Tages. Gemäss Überlieferungen von Ende des 19. bis Anfang des 20. Jhs. wurde nur an einem Dienstag oder Donnerstag geheiratet. Die Ziviltrauung fand um 10 Uhr morgens statt. Nach der Rückkehr in ihr Elternhaus wurde die Braut von ihrer Mutter, assistiert von Nähmädchen und Coiffeuse, eingekleidet. Das Brautkleid war aus edler, weisser Seide, hochgeschlossen, mit langen Ärmeln und einer Schleppe, seit Anfang des 20. Jahrhunderts manchmal halblang. Der Schleier, kunstvoll von der Coiffeuse festgesteckt, verhüllte das Gesicht und die ganze Figur. Darauf wurde der Kranz befestigt.
Um 14 Uhr trafen die Gäste, bereits in Ballrobe, im Brauthaus ein und wurden mit Kaffee bewirtet. Anschliessend fuhr man nach fester Rangordnung mit den Kutschen in die Kirche. In noblen Kreisen wurden das Münster, die Pauluskirche oder das St. Jakobs-Kirchlein bevorzugt. Bis 1847 waren gemäss Reformationsordnung nicht mehr als acht Kutschen erlaubt, später waren bis zu 22 keine Seltenheit. Das Brautpaar, welches als erstes bei der Kirche anlangte, musste zügig aussteigen, da danach eine Kutsche nach der anderen folgte. Zu den Klängen von Händels «Tochter Zion, freue Dich», zog es, gefolgt von den Gästen, in die Kirche ein. Eigentlich ein Weihnachtslied, war es im evangelisch-reformierten Basel lange fester Bestandteil der Hochzeit. Während der Zeremonie sassen die Herren links in der Kirche, die Damen rechts.

Feiern im Drei Könige an der Schifflände …
Die Feier selber fand dann, war es gross genug, im Brauthaus statt, ansonsten waren Sommer- oder Stadtcasino, das Hotel Drei Könige, die Hotels beim Bahnhof oder das Schützenhaus beliebte Lokale zum Heiraten. Ungemein üppige Menus, unterbrochen von kleineren Darbietungen, Reden, «Toastierungen» und Verlesen von Glückwunschtelegrammen waren die üblichen Abläufe der oft sehr früh beginnenden Hochzeitsfeiern. Erst am Schluss spielte eine Kapelle zum Tanz auf. Das Hochzeitspaar verschwand manchmal bereits um 20 Uhr unauffällig, um sich auf die Hochzeitsreise, meist nach Italien, zu begeben. Die Gäste wurden noch mit einem «Bhaltis», meist schön verpacktes Gebäck, bedacht. Nach der Hochzeitsreise konnte das junge Paar in die von den Müttern sorgfältig eingerichtete und vorbereitete Wohnung mit den frisch eingestellten «Dienstmädchen» ziehen.

… oder im Drei Könige in Kleinhüningen
In einfachen Kreisen dauerte eine Verlobungszeit in der Regel ein Jahr oder länger, da man diese Zeit benötigte, um die Aussteuer bereit zu stellen. Diese wurde häufig auf Abzahlung gekauft, also begann die Ehe bereits mit Schulden. Die angehende Braut war um Küchenmöbel, Geschirr und Bettwäsche besorgt, der Bräutigam um die Möblierung der Stube und des Schlafzimmers. Die Aussteuer musste sich meist auf das nötigste beschränken, wenn auch innerhalb der Handwerkerkreisen, beispielsweise in Kleinhüningen, ziemliche Unterschiede vorhanden waren. So zählt ein Maschinenschlosser 1926 eine ansehnliche Ausstattung mit sogar zwei Blumenständern auf, während ein Hilfsarbeiter 1933 nur eine Chaiselongue und einen Kasten erwähnt und dass er sich nicht einmal Betten leisten konnte. Gemäss Paul Hugger in seiner Publikation über Kleinhüningen war dies wohl etwas übertrieben, jedoch lebten viele Menschen wirklich am Rande des Existenzminimums und schliefen auf Strohsäcken.
Was den Hochzeitstag anbelangt, herrschten zumindest in der 1. Hälfte des 20. Jhs. bezüglich Ablauf der Feierlichkeiten sowie Kleidung keine festen Regeln. Lange trug die Braut ein schwarzes Kleid mit Schleier und einem Kränzchen, von 1920 an erschienen einige im weissen Kleid. Ebenso der Bräutigam, der Frack und Zylinder oder einfach einen schwarzen Anzug tragen konnte. Je nach Möglichkeiten heiratete man im engsten Kreis und ass zu Hause oder lud die Hochzeitsgesellschaft ins Gasthaus, beispielsweise ins Drei Könige in Kleinhüningen ein. Hochzeitsreisen wurden auch in einfacheren Kreisen oft unternommen, aber meist innerhalb der Schweiz. In der Regel durfte jedoch die Arbeit nur kurz unterbrochen werden. Sicher waren Eheschliessungen nicht selten auch Zweckgemeinschaften; die Frau brauchte die soziale Sicherheit, der Mann jemandem, der ihm die Hauswirtschaft besorgte, die Kinder aufzog und mithalf.
Der Begriff «Wonnemonat Mai» wurde jedenfalls in einfachen Kreisen wohl schon damals eher selten benutzt.  
Karin Rey 

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