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Die Lokal-Zeitung für Kleinbasel, Riehen und Bettingen

Die Geschichte des Basler Stadtcasinos (Teil 1)

Das Gebiet um Stadtcasino und Musiksaal, wie auch die Institutionen selber, blicken auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Diese soll anlässlich des grossen Umbaus durch Herzog & de Meuron näher erläutert werden.

Von Karin Rey

Fassaden auf ehemaliger Stadtmauer
Bis zu ihrem Abriss 1820 verlief entlang des Steinenbergs die sogenannte «Innere Stadtmauer» mit dem etwa 15 m breiten Stadtgraben. Die dem Steinenberg zugewandten Fassaden des Musiksaals und Stadtcasinos stehen auf den sich heute noch im Boden befindenden Mauerresten. Da vor der Stadtmauer der Birsig regelmässig Geröll angeschwemmt hatte, wurde die Gegend bereits 1231 «ad lapides» oder «in lapidibus» genannt, woraus dann der Steinenberg wurde.

Nachdem 1356 der äussere Mauerring gebaut worden war, wurde der zur alten Stadtmauer gehörende Wasserturm im Bereich der Südfassade des heutigen Stadtcasinos bis 1820 als Gefängnis für Kuppler und Ehebrecher genutzt; der sogenannte Eselsturm auf der Höhe des Braunen Mutz als Folterkammer und Gefängnis für Schwerverbrecher.

Das Barfüsserkloster diente ab 1447 als Spital und drei Flügel des Kreuzganges bis ins 19. Jh. als «Irrenhaus». Dort herrschten erbärmliche Zustände. Nach der Reformation 1529 wurden die Gebäulichkeiten des Klosters vor allem gewerblich genutzt, dann zog auch eine Knabenschule sowie das städtische Almosenwesen dort ein. 1794 erfuhr das Kirchenschiff, wo einst fromme Gebete ertönten, den Umbau zu einem Salzlager.
Mit dem Abriss der Stadtmauer 1820 wurden zunächst auch die an dieser Stelle stehenden Klostergebäude abgerissen. So entstand Raum für das erste, von Melchior Berri errichtete Casino. 1843/44 mussten schliesslich auch die zentralen Klostergebäude beim Barfüsserplatz einem von Christoph Riggenbach errichteten Kaufhauskomplex weichen. Sogar die Kirche funktionierte er zum Kaufhaus um. Nach der Liquidierung der Kaufhaus-Gesellschaft wurde das Gebäude bereits 1874 wieder abgetragen und an seiner Stelle Stehlins Musiksaal errichtet. Für die Verwendung der Barfüsserkirche gab es die verschiedensten Ideen: als römisch-katholische Kirche, Abbruch zugunsten einer Töchterschule und sogar ein Hallenbad darin einzurichten wurde erwogen. 1894 zog schliesslich das Historische Museum in das ehemalige Gotteshaus.

Das erste Stadtcasino von Melchior Berri 1826
Das von der Basler Haute Volée dringend erwünschte Casino sollte über eine Schaubühne sowie Säle für Konzerte, Bälle und sonstige gesellschaftliche Anlässe verfügen. In der damals grössten und wohlhabendsten Stadt der Schweiz schien dies angebracht. Hierfür wurde extra eine Kommission gebildet. Die Finanzierung geschah durch Aktien à 400.–. Die Regierung wollte sich an dem Projekt, abgesehen zur Verfügung stellen des Platzes, nicht beteiligen.

Acht Architekten, darunter Melchior Berri, gaben 1821 Projekte für ein Gesellschaftshaus in edlem, einfachem Stil ein. Von der Funktion als Theater war man abgekommen. Berri erhielt den Zuschlag, wobei die Fassade mehrfach überarbeitet und der Innenraum vereinfacht wurde. Da es sich als schwierig erwies, die finanziellen Mittel zu beschaffen, konnte erst 1824 mit dem Bau begonnen werden. Im selben Jahr wurde die Casino-Gesellschaft Basel offiziell gegründet.

Am 3. Februar 1826 fand die Einweihung des neuen Stadt-Casino mit zwei Sälen statt. Das zweigeschossige Gebäude mit erhöhtem Mittel- und symmetrischen Seitenteilen war gegen den Steinenberg ausgerichtet.
Berris Casino erfuhr bereits 1856 eine Erweiterung und einen Umbau durch Johann Jakob Stehlin d. J.

Stadtcasino – Sommercasino
Zwischen 1822 und 1824 wurde aus­serhalb der Stadt, an der heutigen Münchensteinerstrasse, übrigens auch das Sommercasino errichtet. Die Basler Oberschicht, die sich in den Sommermonaten auf ihre Landsitze zurückzog, verlangte nach einem in der Nähe liegenden Gesellschaftshaus für geselliges Zusammensein. Neben Tanzen, Kegeln und kulturellen Veranstaltungen fanden dort auch Konzerte statt.
Während der politischen Unruhen 1830 bis 1833 infolge der Kantonstrennung, fühlte sich die Basler Oberschicht jedoch im Stadtcasino sicherer. Zudem konnte das Sommercasino auch nicht beheizt, also in den kühleren Monaten gar nicht genutzt werden. In der Folge ging es mit ihm stetig bergab, die Sommercasino-Gesellschaft versank in Schulden und fusionierte deshalb 1907 mit der Stadtcasino-Gesellschaft. Dennoch musste das elegante Gebäude 1937 samt Park verkauft werden. Aus dem Erlös konnte der Neubau des Stadtcasinos 1938 finanziert werden.

Der Musiksaal entsteht – innerhalb von zwei Jahren
Trotz der Erweiterung des Casinos 1856 durch Stehlin d. J. musste man bereits wenige Jahre später, um 1860, feststellen, dass dessen Konzertsaal mit 540 Plätzen für die musikbegeisterte Stadt zu klein war. Dazu kam, dass sich die bisher 30-köpfigen Orchester auf bis zu 60 Musikerinnen und Musiker vergrösserten.

1872 richteten sich die Aktionäre der Casino-Gesellschaft wie auch Musik pflegenden Gesellschaften mit einem Aufruf an die Basler Bevölkerung, eine grosse «Tonhalle» zu bauen, also das alte Casino durch den Anbau eines grossen Musik- und Festsaals zu erweitern. Allgemein ging man im Laufe des 19. Jahrhunderts dazu über, eigenständige Konzerthäuser zu bauen.

Die Projektpläne für den neuen Musiksaal stammten ebenfalls von Johann Jakob Stehlin d. J. Nach dem Abriss von Riggenbachs Kaufhaus 1874 entstand der neue Musiksaal innerhalb zwei Jahren und war 1876 vollendet.

Als Erweiterung des bestehenden Casinos wurde er in einer Flucht mit diesem, mit denselben Geschossniveaus und derselben Gesamthöhe errichtet. Auch stilistisch passte er sich dem bestehenden Berri Casino an. Er setzte sich zwar als eigenständiger Baukörper davon ab, es gab jedoch zwischen beiden Gebäuden eine gedeckte Durchfahrt, sodass die in Kutschen vorfahrenden Damen und Herren im Trockenen aussteigen konnten. Dabei griff Stehlin auf die Bauform der «Schuhschachtel» zurück, so wie fast alle Konzertsäle des 19. Jhs. gebaut wurden.

Porträts von Beethoven, Mozart und Haydn
Der in Rustico Stil und aus Kalkstein gefertigte Unterbau folgt der Steigung des Steinenbergs. Rechteckige Fenster bilden eine Auflockerung des Erdgeschosses. Darüber, im zweiten Geschoss, gliedern vier korinthische Doppelpilaster die Fassade in fünf Achsen und umrahmen schlanke, hohe Rundbogenfenster. Diese sind bekrönt von Dreieckgiebeln mit Kartuschen. Die drei mittleren Medaillons darin zeigen die Porträts von Beethoven, Mozart und Haydn, die beiden äusseren Embleme von Musik und Gesang. Die das Gebäude rahmenden Achsen sind etwas breiter und durchgängig rustiziert. Abgeschlossen wird der Musiksaal von einem Walmdach aus Blech und Schiefer.

In seiner Gestaltung mit barocken und klassizistischen Elementen weist er grosse Ähnlichkeit mit der Kunsthalle sowie dem ehemaligen Stadttheater auf.
Im Innern präsentierte sich der Musiksaal, abgesehen von den Kronleuchtern und den Stuckdekorationen, im Wesentlichen wie heute.

Am 2. Dezember 1876 wurde er eingeweiht und glanzvoll gefeiert als das erste, eigens gebaute Konzerthaus der Schweiz. Seine Eröffnung bildete ein Höhepunkt im Basler Gesellschaftsleben und fand unter dichtem Gedränge statt. Die Presse war voll des Lobes über das neue Zentrum des Basler Musiklebens – allerdings kam schon damals leise Kritik an den zu kleinen Garderoben und Stimmzimmern auf.

Akustik von Weltformat
Stehlin war es jedoch gelungen, eine hervorragende Akustik zu schaffen, die bis heute internationale Anerkennung findet. Der Saal weist eine Länge von 36 m, eine Breite von 21 m und eine Höhe von 15 m auf. Stehlin selber meinte, dass die ausgezeichnete Akustik vielleicht dem arithmetischen Verhältnis der drei Raumdimensionen zu verdanken sei. Der Basler Musiksaal gehört jedenfalls noch heute zu den sechs besten Konzertsälen der Welt. Damals verfügte er über 1300 Sitzplätze.

Pavillonartiger Anbau für den Hans Huber-Saal und Nebenräume 1903–1905
Da das Angebot an Nebenräumen sehr beschränkt war, wurde, ebenfalls von Stehlin,1893–94 im Norden, gegen der Barfüsserplatz hin, ein eingeschossiger Anbau realisiert. 1894 fand übrigens auch der Wechsel von Gaslicht zur elektrischen Beleuchtung im Innern statt. 1903–1905 erfolgte der pavillonartige Anbau im Osten, also gegen den Bankverein hin. Die Pläne hierfür stammten ebenfalls von Johann Jakob Stehlin d. J., ausgeführt wurde er jedoch von seinem Erben und Neffen, dem Architekten Fritz Stehlin. Somit hatte der grosse Musiksaal Nebenräume wie Künstlergeraderoben, Solisten- und Stimmzimmer erhalten und nicht zuletzt den für Kammermusik geeigneten Saal, der 1922 den Namen des Komponisten Hans Huber erhalten sollte.

1903 wurde aus klimatischen Gründen das Oberlicht des Musiksaals zugemauert. 1905 erhielt er als grosse Bereicherung eine Orgel sowie die Stuckdekorationen. Die Wandfelder zwischen den Fenstern erfuhren durch Büsten berühmter Komponisten auf Konsolen eine Auflockerung.

Kulturzentrum am Steinenberg
Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Umwandlung dieser Gegend am Rand der Innenstadt zu einem Kulturzentrum. Nach dem Casino von Berri 1824–1826 entstand 1831–1834 gegenüber, an Stelle des ehemaligen Steinenklosters, das sogenannte Blömleintheater, ebenfalls von Berri. 1872 folgten die Kunsthalle, 1873–1875 das Steinenschulhaus, 1875 das ehemalige Stadttheater, 1876, wie erwähnt, der Musiksaal und 1887 der Anbau der Skulpturhalle an die Kunsthalle, womit dort der umschlossene Garten entstand. Davon erhalten sind nur noch die Kunst- und ehemalige Skulpturhalle, das Steinenschulhaus und der Musiksaal.

1841 wurde das Gefälle des Steinenbergs ausgeglichen und zu beiden Seiten Trottoirs erstellt. Die Fahrbahn war jedoch nur im unteren Drittel gepflastert, der obere Teil bestand nach wie vor aus Schotter. Erst 1928 erhielt er ein durchgehendes Strassenpflaster.

Jedenfalls vollzog sich mit dem Entstehen dieses Kulturzentrums auch in diesem Quartier Basels der Übergang von der mittelalterlichen zu einer modernen Stadt.

Teil 2 erscheint kurz vor der Wiedereröffnung des Stadtcasinos und berichtet von der glanzvollen Neugestaltung durch Herzog & de Meuron.

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