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Impfstoffstreit beim Bund

In absehbarer Zeit wird das Bundesamt für Gesundheit (BAG) seine nationale Grippe-Impfkampagne lancieren. In diesem Jahr drängt sich dieser Schutz besonders auf. Die stark ansteigenden Zahlen der Covid-19-Erkrankungen bewirken bereits wieder ein Ansteigen der Anzahl der Spitaleinweisungen. Wenn im kommenden Januar dann noch weitere Grippekranke auftreten, droht die komplette Spitalüberlastung.

Von Prof. Dr. med. Jürg Schlageter

Es besteht jetzt das Ziel, eben in diesem Winter vielen Menschen die Grippeimpfung zukommen zu lassen. Die Impfkampagne muss jedoch differenziert durchgeführt werden. Zuerst müssen diejenigen Personen geimpft werden, die zu einer Risikogruppe gehören. Das ganze medizinische Personal muss als erste Gruppe geschützt, respektive geimpft werden. Im Jahr 2019 liessen sich nur gerade 31% der Senioren in der Schweiz gegen Grippe impfen. Diese Zahl repräsentiert einen blamabel tiefen Wert in Vergleich zur Anzahl der Geimpften im restlichen Europa. Ganz allgemein wird in Fachkreisen diskutiert, mit welchen Massnahmen und Aufklärungen dieser Anteil erhöht werden kann. Laut BAG steht dabei ein Impfobligatorium weiterhin nicht zur Debatte.
In einem zweiten Schritt soll sich ab November die übrige Bevölkerung zur Grippeimpfung melden. Es wird sicher nicht ganz einfach sein, dieses zweiphasige Vorgehen der Allgemeinheit zu vermitteln. Der Grund für dieses gestaffelte Vorgehen ist ebenso einfach wie unerfreulich: Von Beginn an gab es nicht genügend Impfstoff für alle. In seinem letzten Bulletin zu Infektionskrankheiten vom September schreibt das BAG: «Rund 1,2 Millionen Grippe-Impfdosen wurden im Frühjahr von den Herstellern für den Schweizer Markt zugeteilt und regulär über den freien Markt angeboten.» Die beiden Hersteller GlaxoSmithKline (GSK) und Sanofi berichten übereinstimmend, dass die Auslieferung dieser Dosen in die Schweiz bereits begonnen hat. Engpässe bei diesen Dosen gebe es nicht.
Beim Start der Covid-19-Pandemie im Frühjahr waren sich viele Fachleute darüber einig, dass bei fortdauernder Bedrohung der Bedarf an normalem Grippe-Impfstoff deutlich über der Norm liegen würde. Der Mediensprecher der GSK Schweiz sagt: «Normalerweise verkaufen wir unser Angebot zu 70% im Frühjahr. Im Herbst treffen dann die Nachzügler mit ihren Bestellungen ein.» Dieses Jahr jedoch war der Sachverhalt anders: Der ganze Bestand ging in kurzer Zeit im Frühling weg.
Enea Martinelli, Spitalapotheker, deckte sich mit einer grösseren Menge an Grippe-Impfstoff ein. Er kaufte den Bedarf zur Grippevorsorge für insgesamt zehn Regionalspitäler im Berner Oberland ein. Er kommentiert: «Wir haben im Frühling im Hinblick auf die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie insgesamt 50% mehr bestellt als normal.» Die Lage gestaltet sich nun heikel und schwierig für Apotheker, Ärzte und Spitäler, die spät noch im Jahr 2020 bestellen möchten. Sie können nur auf die zusätzlichen Dosen vertrauen, die der Bund aushandeln konnte. Das BAG berichtet, dass es von den Herstellern noch 500’000 Dosen zugesichert bekommen habe. Diese könnten jedoch erst Ende November ausgeliefert werden. Weiter bemerkt es, dass es mit den Herstellern in weiterem Kontakt bleibe, um noch mehr Dosen auszuhandeln.
Es scheint, dass vor allem der französische Hersteller Sanofi die Lücke in der Schweiz stopften wird. Für die Grippesaison 2020/2021 bringt der Impfstoffspezialist im Vergleich zum Vorjahr 2,5-mal mehr Impfstoffdosen auf den Markt. Es gab offenbar im Frühjahr nur für eine kurze Zeit die Möglichkeit, auf einen Schlag eine ausreichende Menge an Impfstoff einzukaufen. Dabei handelte es sich im Speziellen um einen Grippe-Impfstoff, der besonders gut bei Senioren anschlägt. Das BAG bestätigt, dass die Behörden mit verschiedenen Anbietern, unter anderen mit Sanofi, Kontakt aufgenommen hatten. Es ging dabei um 150’000 Dosen Fluzone HD. Gemäss Daten aus den USA habe dieser Impfstoff ein offensichtlich günstiges Wirkungsprofil bei älteren Menschen. Erschwerend wird die ganze Situation nämlich dadurch, dass dieser Impfstoff in der Schweiz keine Zulassung hat.
Offensichtlich zogen sich die Verhandlungen mit Sanofi über einige Wochen hin. Verschiedene mit dieser Angelegenheit vertraute Personen berichteten von «chaotischen Zuständen», über «Streit und ständiges Hin und Her», «Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem BAG, der Armee, d.h. dem Verteidigungsdepartement (VBS) sowie dem Heilmittelinstitut Swissmedic». Offensichtlich kam das BAG bei Swissmedic mit dem Antrag nicht durch, den in der Schweiz nicht zugelassenen Impfstoff mithilfe der im Covid-19-Gesetz geschaffenen Ausnahmeregel als Off-label-Wirkstoff ins Land zu holen. Auf die Nachfrage beim BAG, ob es Streitigkeiten zwischen den Ämtern gegeben habe, liess man verlauten, dass die drei genannten Stellen, jede in ihrer Zuständigkeit, mitgewirkt hätten. Dabei lässt sich eine Bestätigung des Sachverhaltes herauslesen. Die komplizierte Situation kam zu einem Ende, als Sanofi den auf der ganzen Welt begehrten Impfstoff an ein anderes Land verkaufte, einfach deshalb, weil die Schweiz sich nicht entschliessen konnte.

Ein Insider äusserte sich dahin gehend, dass die Schweiz mittlerweile einen wenig schmeichelhaften Ruf bei den Impfherstellern erlangt habe: «Die finden, wir Schweizer wollen nichts zahlen, und dann sind wir auch noch kompliziert.» 

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